Werkstatt-Urgestein geht nach 44 Jahren in Ruhestand

Renate Brauer bei ihrer Arbeit: Sie unterstützt einen Beschäftigten beim Sortieren von Briefmarken. Nach 44 Jahren ist die Werkstatt-Betreuungskraft in den Ruhestand gegangen.

„Und wenn Not am Mann ist, könnt ihr mich immer anrufen – dann komme ich…“ Renate Brauer war sichtlich gerührt, als sie von ihren Kolleginnen und Kollegen in der Werkstatt für behinderte Menschen der Ev. Stiftung Volmarstein herzlich in den Ruhestand verabschiedet wurde. Dort ist die 62-Jährige ein Urgestein: Gut 44 Jahre hat sie als Betreuungskraft gearbeitet. Damit ist sie die dienstälteste Mitarbeiterin in dieser Stiftungs-Einrichtung.

Ihr erster Arbeitstag war der 26. April 1977. „In der Werkstatt fehlte jemand – und ich konnte reinrutschen“, erinnert sich Renate Brauer. Sie hatte, wie es seinerzeit üblich war, einfach in der Stiftung nachgefragt, ob es dort Arbeit für sie gibt. 

Über vier Jahrzehnte lang hat die Ur-Wengeranerin die Entwicklung der Werkstatt hautnah erlebt. Einige Abteilungen, in denen Menschen mit Behinderung beschäftigt waren, gibt es längst nicht mehr. Dazu gehört beispielsweise die Fertigung von Fußmatten, u.a. für Züge der Deutschen Bahn. Die 50 x 80 Zentimeter großen Matten wurden angeliefert und bekamen in Volmarstein einen Latex-Überzug. Erst dadurch waren sie für die Reisenden rutschfest.

Zuletzt arbeitete Renate Brauer in der Briefmarken-Abteilung – ein Bereich, der seit den Werkstatt-Anfängen bis heute betrieben wird. Abgestempelte Postwertzeichen, die oft achtlos weggeworfen werden, schaffen dort Arbeitsplätze für elf Menschen mit Behinderung: Sie sortieren mit viel Mühe abgestempelte Briefmarken nach Sammler-Themen – z.B. nach Ländern oder Motiven wie Leuchttürme, Tiere oder Autos. Sammler kaufen diese sortieren Marken ein. Kein Wunder also, dass man sich in der Abteilung immer freut, wenn Briefmarken in Kartons oder Säcken als Spende zugeschickt oder vorbeigebracht werden.

Im Umgang mit den Menschen mit Behinderung ist Fingerspitzengefühl gefragt. „Man muss jeden auf seine Art zu nehmen wissen“, weiß Renate Brauer aus ihrer langjährigen Erfahrung. Überaus geschätzt hat sie das gute Betriebsklima in der Werkstatt. An manche schöne Feier kann sie sich erinnern: „Zu Karneval haben Männer im Bastrockröckchen getanzt und es gab einen Mary-Rose-Imitator“, meint sie schmunzelnd.

Im Ruhestand hat sie nun noch mehr Zeit für ihren geliebten Collie-Schäferhund-Mischling. Außerdem verreist sie gern. Und auf jeden Fall will sie immer mal wieder in Volmarstein vorbeischauen – als gern gesehene Besucherin in „ihrer“ Werkstatt.