Stiftung verabschiedet einen Pionier


Prof. Christian Bühler hat das Forschungsinstitut Technologie und Behinderung rund 30 Jahre lang geprägt


Prof. Christan Bühler – hier bei der 25-Jahr-Feier des FTB im Düsseldorfer Landtag – verlässt die Evangelische Stiftung Volmarstein nach rund 30 Jahren.


Rund 30 Jahre lang hat Prof. Christian Bühler das Forschungsinstitut Technologie und Behinderung (FTB) der Ev. Stiftung Volmarstein geleitet. Während dieser Zeit leistete er als Gründer des Instituts Pionierarbeit. „Das FTB hat sich zu einer über die Grenzen von NRW hinaus bekannten Ideenschmiede entwickelt“, würdigte Stiftungs-Vorstand Jürgen Dittrich das Wirken des Rehabilitationstechnologen, der die Stiftung zum Jahreswechsel verlassen hat. Die Arbeit des FTB wird nun im neu gebildeten Kompetenzzentrum Barrierefreiheit Volmarstein weitergeführt.

Wie lassen sich technische Hilfsmittel nutzen, um Menschen mit Behinderung im Alltag größtmögliche Teilhabe zu ermöglichen? Dieser Frage hat sich Christian Bühler als FTB-Leiter stets verschrieben. Seine Aufbauleistung begann, als die Stiftung noch „Orthopädische Anstalten Volmarstein“ hieß. „Ich war allein“, erinnert sich der Dortmunder an seinen ersten Tag Anfang 1991. Im Gebäude an der Grundschötteler Straße hatte er sich einen Schreibtisch und einen Stuhl selbst organisiert. Es gab ein Funkgerät, mit dem er Verbindung zur Pforte der Klinik Volmarstein aufnehmen konnte. Von dort wurde er ins Telefonnetz verbunden.

„Internationales und Lokales befruchtet sich gegenseitig“, so lautete immer Prof. Bühlers Credo. Er war davon überzeugt, dass beide Seiten ständig voneinander lernen können. Daher engagierte er sich regelmäßig auf beiden Ebenen.

Und deshalb hat er bei seiner Arbeit immer Menschen mit Behinderung direkt einbezogen. Neben dem Kontakt zur Stiftung hielt er auch enge Verbindung zu Verbänden und Gruppen der Selbsthilfe vor Ort. Deren Vertreter sah er als Experten in eigener Sache. Diese wirkten mit, als sich das FTB z.B. anfangs damit beschäftigte, die Manövrierfähigkeit von Rollstühlen durch eine neue Antriebstechnik zu verbessern. Heute ist die Barrierefreiheit im Internet eines der großen Themen, die ganz oben auf der Agenda stehen. Einen besonderen Meilenstein bildete die gesetzliche Verankerung der Agentur Barrierefrei NRW.


International arbeitete der Experte Bühler u.a. im Auftrag der Bundesregierung für die Umsetzung des EU-Programms „Technologie und Behinderung“. Er gestaltete bei der Ausweisung von Förderprogrammen an konkreten Projekten mit. Um morgens pünktlich an EU-Sitzungen in Brüssel teilzunehmen, fuhr er nachts mit dem Auto in Dortmund los. Wenn er rechtzeitig angekommen war, gönnte er sich im Wagen ein Nickerchen im Schlafsack.

Auch stiftungsintern war das Wissen aus dem FTB gefragt: So wurde z.B. die Wohnberatung hinzugezogen, damit bei Neubauten eine barrierefreie Bauweise gewährleistet war; die Datenbank für Medizinprodukte der Stiftung wurde im FTB entwickelt; lange vor Corona wurde fürs Berufsbildungswerk und die Werkstatt für behinderte Menschen die App und digitale Lernplattform „miTAS“ entwickelt; das Büro für Leichte Sprache wurde aufgebaut; und in der Klinik Volmarstein kam früh ein System zur Handvermessung zum Einsatz.

Ein besonderes Datum war der 12. September 2016: An diesem Tag durfte das FTB im Plenum des NRW-Landtags sein 25-jähriges Bestehen feiern. „Das war ein Ritterschlag für das FTB“, meint Christian Bühler angesichts des besonderen Ortes.

Welche Hilfen kann Technik künftig für Menschen mit Behinderung ermöglichen? „Niemand muss ausgeschlossen sein“, antwortet der langjährige FTB-Leiter auf diese Frage. Sensoren könnten helfen, menschliches Sehen und Hören zu unterstützen; eine automatische Übersetzung in Leichte Sprache und Gebärdensprache sei möglich; und sogar Rollstuhlfahrer könnten mit einem Stütz-Skelett, das sie außerhalb des Körpers tragen, wieder laufen. „Das muss aber bezahlbar sein“, betont er.

Für seinen langjährigen Dienst in der Diakonie wurde Prof. Bühler von der Stiftung mit dem Kronenkreuz in Gold ausgezeichnet. Im Jahre 2018 verlieh ihm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier für sein Engagement im Bereich der Inklusion das Bundesverdienstkreuz.

Prof. Christian Bühler fungiert weiterhin als Pro-Dekan der TU Dortmund und lehrt im Fach Rehabilitationstechnologie. „Ich bin für die Zeit meines Dienstes in der Diakonie sehr dankbar. Der Stiftung bleibe ich verbunden“, betont er. Allerdings hofft er künftig auf ein wenig mehr Freizeit. Er ist beispielsweise passionierter Sänger in einem Dortmunder Kirchenchor. „Ich kann nicht nur klassisch“, sagt er schmunzelnd.