NGG: „Wildwest-Zustände in der Fleischbranche beenden“


Wer in der Schlachtung, Zerlegung und Verarbeitung von Fleisch arbeitet, macht einen
Knochenjob. Die Gewerkschaft NGG ruft Bundestagsabgeordnete aus der Region dazu auf, sich in
Berlin gegen Missstände in der Branche einzusetzen. Foto NGG

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten fordert Bundestagsabgeordnete aus Hagen auf, in
Berlin für das geplante Verbot von Werkverträgen und Leiharbeit in der Fleischwirtschaft zu stimmen.
Corona-Ausbrüche in mehreren Fleischunternehmen hätten gezeigt, wohin die Missstände führen
können.
„Für die überwiegend osteuropäischen Beschäftigten in Subunternehmen sind extreme
Arbeitsbelastung, Lohn-Prellerei und Unterbringung in abrissreifen Wohnungen seit Jahren an der
Tagesordnung. Mit solchen Wildwest-Methoden muss endlich Schluss sein“, fordert Lars Wurche von
der NGG-Region Südwestfalen.
Das geplante „Arbeitsschutzkontrollgesetz“ könne die Fleischbranche zugleich stärken: Nach Angaben
der Arbeitsagentur sank die Zahl der Schlacht- und Verarbeitungsbetriebe in Hagen von 24 Betrieben
im Jahr 1999 auf heute nur noch sieben. „Diese Konzentration hat dazu geführt, dass reguläre Stellen
verloren gingen und Arbeiten an Subunternehmen ausgelagert wurden – zu prekären Bedingungen“,
betont Wurche. Die Zahl sozialversicherungspflichtiger Fleisch-Jobs sank laut Arbeitsagentur im
Regierungsbezirk Arnsberg binnen 20 Jahren um 21 Prozent – während die reguläre Beschäftigung in
allen Branchen insgesamt um 15 Prozent zulegte. „Mit Hilfe des neuen Gesetzes müssen nun die
Stammbelegschaften wieder aufgebaut und muss die Mitbestimmung gestärkt werden. Das führt zu
höheren Löhnen. Sozialabgaben und Steuereinnahmen steigen“, so die NGG.
Nach dem Gesetzentwurf des Bundesarbeitsministeriums sollen ab 1. Januar 2021 Werkverträge und
ab 1. April 2021 Leiharbeit in Fleischbetrieben mit mehr als 49 Personen verboten werden. „In den
vergangenen Jahren sind alle Versuche gescheitert, die Branche zum Umdenken zu bewegen – weder
durch freiwillige Selbstverpflichtungen und selbst mit dem Gesetz zur Sicherung von
Arbeitnehmerrechten in der Fleischwirtschaft nicht. Das Verbot ist überfällig“, so Wurche.
Der Gewerkschafter warnt jedoch vor Tricksereien. Unternehmen dürften nicht versuchen, das Gesetz
durch neu gegründete Tochtergesellschaften oder andere Schlupflöcher zu umgehen: „Vom
Schlachten bis zum Verpacken – alle Arbeitsschritte in der Fleischproduktion müssen von
Beschäftigten erledigt werden, die direkt beim Unternehmen angestellt sind.“ Das Gesetz zum Verbot
von Leiharbeit und Werkvertrag sei der erste Schritt. „Und dann brauchen wir als zweiten Schritt einen
Tarifvertrag, der für alle Beschäftigten in den rund 7.700 Unternehmen der Branche gute Löhne und
faire Arbeitsbedingungen absichert. Wir sind gespannt, ob die Unternehmen hierzu ernsthaft bereit
sind.“
Das Argument von Lobbyverbänden, die Fleischbranche sei auf Werkverträge und Leiharbeit
angewiesen, um Auftragsspitzen etwa zur Grillsaison abzufedern, überzeuge nicht. „Möglich wären
beispielsweise auch befristete Arbeitsverträge. Besser noch: Arbeitszeiten lassen sich per Tarifvertrag
und Arbeitszeitkonten regeln – wie das auch in anderen Bereichen der Lebensmittelbranche seit
langem üblich ist“, so Wurche.