Immer mehr Menschen in Hagen auf Zweitjob angewiesen

Wenn ein Job nicht reicht: Rund 5.700 Menschen in Hagen haben neben ihrer regulären Stelle noch einen Minijob. Damit stieg die Zahl der Zweitjobber innerhalb von zehn Jahren um 27 Prozent, wie die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten mitteilt.

Die NGG Südwestfalen beruft sich hierbei auf neue Zahlen der Arbeitsagentur. Danach sind Zusatz-
Jobs in Restaurants, Gaststätten und Hotels in Hagen besonders verbreitet: In der Branche

gab es im Juni 2019 knapp 500 Zweitjobber – das sind 35 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor.
Gewerkschafterin Isabell Mura spricht von einer Schieflage auf dem Arbeitsmarkt: „Im
Schatten des Booms der vergangenen Jahre sind viele sozialversicherungspflichtige Stellen
entstanden, die oft kaum zum Leben reichen. Nebenjobs müssen dann die Haushaltskasse
aufbessern. Aber wer auf einen Zweitjob angewiesen ist, der arbeitet meist am Limit – auf
Kosten von Familie, Freunden und Freizeit“, so die Geschäftsführerin der NGG Südwestfalen.
Dabei treffe der Boom bei den Nebenjobs langfristig auch die heimische Wirtschaft.
„Gastronomen und Bäckermeister, die über den Fachkräftemangel klagen, aber gleichzeitig
auf 450-Euro-Kräfte setzen, schneiden sich ins eigene Fleisch. Minijobber können keine
Hotelfachleute ersetzen“, betont Mura. Doch Fachkräfte gewinne man nur mit ordentlichen
Löhnen – „so hoch, dass die Beschäftigten keinen Zweitjob mehr brauchen“. Über deutliche
Lohnerhöhungen verhandelt die NGG aktuell bei Fast-Food-Ketten von McDonald’s bis
Vapiano: Statt den Mindestlohn von 9,35 Euro sollen die Beschäftigten in der Branche künftig
mindestens zwölf Euro pro Stunde bekommen.
Entscheidend sei aber auch, dass sich Unternehmen stärker um Nachwuchs kümmern. „Eine
Lehre im Lebensmittelhandwerk oder im Gastgewerbe kommt für Schulabgänger nur infrage,
wenn der Lohn und die Ausbildungsbedingungen stimmen“, so Gewerkschafterin Mura.
Die NGG sieht aber auch die Politik in der Verantwortung. Die Zunahme der Zweitjobs sei
auch das Ergebnis einer verfehlten Arbeitsmarktpolitik der Nullerjahre. „Mit einer Reform
könnte die Bundesregierung Minijobs voll in die Sozialversicherung einbeziehen. Allerdings
sollten die Arbeitgeber den größten Teil der Beiträge zahlen. Das macht reguläre Stellen
attraktiver und verschafft den Minijobbern heute eine bessere Absicherung“, so Mura.