Hagen: 44 Prozent mehr Rentner auf Stütze vom Amt angewiesen

Wenn die Rente nicht reicht: Immer mehr Menschen in Hagen sind neben ihren Altersbezügen auf staatliche Stütze angewiesen. Die Zahl der Empfänger von „Alters Hartz-IV“ stieg innerhalb von zehn Jahren um 44 Prozent. Gab es in Hagen 2008 noch 2.715 Bezieher von Grundsicherung im Alter oder bei Erwerbsminderung, so waren es im vergangenen Jahr bereits 3.918. Das teilt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten mit. Die NGG beruft sich hierbei auf Angaben des Statistischen Landesamtes. Danach erhielten in ganz Nordrhein-Westfalen zuletzt rund 280.000 Rentnerinnen und Rentner Grundsicherung – 44 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor.
Isabell Mura, Geschäftsführerin der NGG-Region Südwestfalen, sieht den Trend mit Sorge – und fordert eine „rentenpolitische Kurskorrektur“. Insbesondere die von der Bundesregierung angekündigte Grundrente müsse rasch angepackt werden, um ein
Ausufern der Altersarmut in der Stadt zu verhindern.
„Die amtlichen Zahlen zeigen nur die Spitze des Eisbergs. Denn sehr viele Menschen, die
wegen Mini-Renten eigentlich einen Anspruch auf die Grundsicherung haben, schrecken
aus Scham vor einem Antrag zurück“, sagt Mura. So sind nach einer Untersuchung des
Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) bundesweit aktuell bereits 16,8 Prozent
der Rentner von Armut bedroht. Ohne die Einführung einer Grundrente könnte das
Armutsrisiko laut DIW bis zum Jahr 2039 auf 21,6 Prozent steigen – selbst bei einer
weiterhin positiven Konjunkturentwicklung.
„Eine entscheidende Ursache für dürftige Renten sind niedrige Einkommen. Auch wer
Jahrzehnte in einer Bäckerei oder einem Restaurant gearbeitet hat, landet im Alter oft
unter der Armutsschwelle. Das liegt auch an der Praxis vieler Unternehmen, aus
Tarifverträgen auszusteigen und so die Löhne zu drücken. Hinzu kommt der Trend zu
Teilzeit und Minijobs“, erklärt Gewerkschafterin Mura.
Hier setze die von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil geplante Grundrente an: Danach
sollen die Bezüge von Menschen, die mindestens 35 Jahre lang gearbeitet haben und bei
der gesetzlichen Rente trotzdem unter die Grenze von 896 Euro kommen, um bis zu
mehrere Hundert Euro im Monat aufgebessert werden. „Das Modell wäre ein wichtiger
Beitrag für mehr Gerechtigkeit im Rentensystem. Es würdigt die Leistung von denen, die
ein Leben lang in die Rentenkasse eingezahlt haben“, betont Mura.
Ausschlaggebend sei aber, dass es dabei keine Bedürftigkeitsprüfung gebe. „Wer eine
solche Prüfung fordert, trifft die Falschen, weil es in den allermeisten Fällen um Haushalte
mit kleinen Einkommen geht. Eine Bedürftigkeitsprüfung steht auch dem Rentenprinzip
entgegen, nach dem Beitragszahler einen individuellen Leistungsanspruch erwerben“, so
Mura.