Alter AWO-Zivi kehrt als Autor nach Hagen zurück

(Sven Söhnchen) Zugegeben, an den Zivildienstleistenden Kai Schlasse können sich die wenigstens MitarbeiterInnen bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) im Unterbezirk Hagen-Märkischer Kreis erinnern. Noch zu Zeiten des früheren Geschäftsführers Karl-Heinz Nolzen fuhr der junge Schlasse Kindergärtnerinnen (die damals wirklich noch so genannt wurden) zu ihren Arbeitsstellen und verteilte anschließend das Mittagessen aus der Großküche in die Einrichtungen.

Bei der Wiederkehr in die heimischen AWO-Gefilden vernimmt man bei den Erzählungen ein munteres Lächeln neben der ewig glühenden Zigarette im Mundwinkel des Herren, dessen Rückkehr nach Hagen für einige Furore sorgt.

Der Name Schlasse ist längst Vergangenheit und im Emster AWO-Kulturhof ist, nach einem musikalisch-literarischem Gastspiel vor einigen Jahren, die Hagener Legende Kai Havaii zum zweiten Mal zu Gast. 

Nach dem Zivildienst und der Tätigkeit als Grafiker  wurde Kai Havaii nicht nur in seiner Heimatstadt Hagen als Sänger der Kultkombo EXTRABREIT legendär. In den vergangenen vier Jahren wagte sich der Sänger und Texter an einen eigenen Lebenstraum – auf den Spuren von John Le Carré und Don Winslow einen eigenen Thriller zu schreiben. Eine rasante Achterbahnfahrt in der Literatur, die sich auf fulminante 572 Seiten erstreckt.

Die fiktive Geschichte spielt zumindest teilweise an Orten, die dem Frontmann von Extrabreit lieb geworden sind. Das Alte Land, als Wohnort seines Protagonisten Carl Overbeck,  liegt vor der Haustür seiner Wahlheimat Hamburg und diverse Orte in Italien sind ihm durch etliche Besuche sehr vertraut. Andere Regionen, wie googlestreetview-verfolgte Straßenzüge in Mexico oder Cleveland/USA, seines Romans RUBICON erarbeitete sich Havaii in einer sehr intensiven Recherchearbeit, ebenso wie die Tätigkeit der Bundeswehr in Afghanistan oder die Strukturen der Mafia in und außerhalb von Italien. Für die deutsche Beteiligung an dem Krieg in Afghanistan sprach er beispielsweise mit heimgekehrten Bundeswehrsoldaten. Deren Ängste, Gefühle, Sehnsüchte nimmt Havaii mit in sein Buch auf und gibt sich dabei selber auch eine Antwort auf das eigene Familienleben: über die Kriegsbeteiligung des Vaters und Großvaters, in den zwei Weltkriegen, wurde immer zuhause geschwiegen. Die Elitesoldaten gaben dem früheren Zivildienstleistenden einen Einblick in den Krampf um den Kampf. Schonungslos nimmt der schreibende Thriller-Neuling seine Leser mit auf die schockierende Reise über den Fluss ohne Rückkehr. Die Gräuel aus Afghanistan im Kopf und die Unbarmherzigkeit der N´drangheta im Blick.

Das Buch ist genial, spannend und nichts für Bergdoktorheftchenleser.

Die Lesung im Hagener Kulturhof gewinnt natürlich durch die prägnante Stimme von Kai Havaii. Die Extrabreit-Fans im Publikum wissen das seit Jahren zu schätzen. Charmant und leicht koddrig klingt die Lesung dringend nach einem Hörbuch. Havaii verspricht, dass dieses Hörerlebnis gerade in Arbeit ist – aber auch das Einlesen von fast 580 Seiten bedarf  noch etwas Zeit.

Buch-Hörbuch-Film? Beim Schreiben, so viel lässt sich der textende Sympath entlocken, hat er bereits die Geschichte als Film im Kopf. Eine Verfilmung ist allerdings bisher nicht angedacht. Die Hauptfigur Carl Overbeck ist in dem Buch „circa Mitte 30“ – das Publikum nimmt lächelnd zur Kenntnis, dass Til Schweiger daher für eine etwaige Hauptrolle nicht infrage kommen würde.

Die partnerschaftlich verbundene Buchhandlung Thalia verkauft etliche Exemplare von RUBICON an diesem Abend, die Kai Havaii gerne signiert. Eine Lesung, die vergessen lässt, dass hier der Sänger mit  Musikhistorie sitzt – allerdings kommt die Veranstaltung doch nicht ganz ohne Musik aus. Als Havaii von der italienischen Hochzeit vorliest, intoniert er auch die traditionelle Tarantella und erntet Szenenapplaus. Im Hagener Publikum sitzen an diesem Abend auch seine extrabreiten Weggefährten Stefan Klein und Rolf Möller (später stößt noch der andere „Hagener in Hamburg“, Eddie Kante, dazu) – zur Planung eines Spätwerks von EXTRABREIT halten sich die heimatlichen Musikhelden, die von Wehringhausen die Republik erobert haben, etwas zurück. Getextet wird aber von Kai Havaii weiterhin – für die Musik und für einen weiteren Thriller.

Bevor Kai Havaii mit einem weiteren Buch zur Lesung in die Emster Begegnungsstätte seines Zivi-Arbeitgebers zurückkehren wird, ist jetzt allerdings erst einmal  Zeit für eine ausführliche Leseeinheit:

RUBICON

Kai Havaii

572 Seiten

Rütten & Loening; Auflage: 1. (13. September 2019)

Deutsch

ISBN: 978-3352009389