Besuch aus Gaza

„Ich kann keine Lösung für den Konflikt zwischen Israel und Palästina anbieten und will auch nichts
zur Politik sagen. Ich will nur über die Lebensrealität im Gazastreifen berichten“, erklärt Dr. Abed
Schokry gleich zu Beginn.

Er hat in Deutschland Ingenieurswesen studiert, kehrte vor zehn Jahren in seine Heimat zurück, weil er das Gefühl hatte, gebraucht zu werden. Im Moment tourt er durch Deutschland, um über seine Lebenssituation zu berichten. Zwischen zwei Terminen hatte er am 9. Februar Zeit für einen informativen Zwischenstopp in Hagen.
Dr. Schokry hat vier Jahre auf eine Ausreisegenehmigung durch Israel warten müssen. Der Flughafen in Gaza ist zerstört, er muss auf jeden Fall durch Israel, um einen Flughafen in Jordanien oder
Ägypten nach Deutschland oder in andere Länder zu erreichen. Aber erst jetzt bekam er wieder eine
Ausreisegenehmigung. Eine der absurden Lebensbedingungen der Bewohnerinnen von Gaza, diesem dichtbesiedelten Küstenstreifen am Mittelmeer. Alles ist von willkürlichen Entscheidungen israelischer Behörden abhängig. Ob es Strom und Wasser gibt, ob Importe ins Land kommen, ob die wenigen Produkte, die das Land hervorbringt, exportiert werden können. „Es ist eine surreale Situation“, erklärt er. 75 Prozent der Bewohnerinnen von Gaza sind unter 25 Jahre alt. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei
90 Prozent. Die Hälfte der Bevölkerung ist auf Unterstützung durch internationale
Hilfsorganisationen angewiesen. Viele haben Verwandte im Ausland, die sie finanzielle unterstützen.
Denn die Lebenshaltungskosten sind hoch, weil fast alles importiert werden muss. „Die Zitronen
kosten fast so viel wie hier. Früher konnten wir Zitronen exportieren. Aber die Ackerflächen sind
knapp geworden.“
Ein großes Problem ist das Wasser. 90 Prozent des Wassers ist im Grunde zum Verzehr ungeeignet.
Die EU würde eine Meerwasserentsalzungsanlage finanzieren, wenn Israel garantiert, sie nicht zu
zerstören. Diese Zusage ist bisher nicht erfolgt. Das Abwasser geht ungefiltert ins Meer, so dass das
Baden lebensbedrohlich ist. Das Fischen ist es ohnehin, weil die Fischer nur begrenzt hinausfahren
dürfen. Im Gesundheitswesen fehlen viele notwendige Medikamente. Da die Ärztinnen kaum das Land verlassen können, um an Weiterbildungen teilzunehmen, fehlt es an Qualifikationen. Aber Dr. Schokry will auch Hoffnung verbreiten – immerhin hat er vier Kinder. „Wir sind sehr kreativ. Wir nutzen Solarindustrie, die jungen Menschen versuchen Start-Ups zu entwickeln über grenzüberschreitende soziale Medien, junge Frauen drehen Filme. Unsere Fußballvereine sind Mitglied der FIFA (die Männer sind auf Platz 99, die Frauen auf Platz 106 der FIFA-Liste), haben allerdings kaum Möglichkeiten, an internationalen Begegnungen teilzunehmen.“ Er zeigt Fotos vom Park in Gaza-Stadt, eine grüne Oase inmitten von Häuserschluchten und Trümmern. Erwachsene zahlen einen kleinen Eintritt, Kinder nichts, damit sei einen Ort kurzer Unbeschwertheit finden können. Schulen sind wichtig. Fast alle Kinder gehen zur Schule. Die Alphabetisierungsquote liegt bei 91 Prozent. Im Gazastreifen leben noch etwa 700 bis 1.100 Christinnen, früher waren es mehr. Das
Zusammenleben zwischen Moslems und Christinnen funktioniert gut. Es gibt Begegnungen, gemeinsame Feste, gegenseitige Hilfe. Denn das Leben ist für alle schwer. „Ich will ein Hoffnungsträger sein“, erklärt Dr. Schokry zum Abschluss. Trotz aller schwierigen Erfahrungen hofft er auf einen endlichen Erfolg der internationalen Diplomatie. Er sieht auch die Rolle der palästinensischen Politikerinnen kritisch, Chancen seien vertan worden. Es gebe keine
Konzeption. Insgesamt sei die Situation zwischen Israel und Palästina verfestigt und verfahren. Aber
es gebe die Erfahrung, dass sich unerwartet wieder Fenster für positive Entwicklungen öffnen
können.

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