Auge in Auge mit einem Menschen aus der Steinzeit

Die Hagener Blätterhöhle zählt zu den wichtigsten steinzeitlichen Fundstellen in Europa. In den vergangenen Jahren wurden im Innenraum der Höhle, die zur frühen Mittelsteinzeit und in der späten Jungsteinzeit als Deponierungs- und Bestattungsort genutzt wurde, sowie auf dem Vorplatz, der seit der Altsteinzeit bis in die späte Mittelsteinzeit als Lagerplatz diente, immer wieder neue Erkenntnisse gewonnen. Einige waren von so grundlegender Bedeutung für die Forschung, dass unter anderem die Lehrmeinung über die Jungsteinzeit ergänzt werden musste. In deutschsprachigen und internationalen Fachjournalen und Medien ist die Hagener Blätterhöhle mittlerweile ebenso präsent, wie in Ausstellungen und Museen.

Begleitet werden die Ausgrabungen in der Blätterhöhle und auf ihrem Vorplatz durch modernste Digitaltechnik sowie archäologische und naturwissenschaftliche Untersuchungsverfahren. Die menschlichen Überreste sind auch Gegenstand von genetischen Analysen. Anhand der Genetik und anderen Untersuchungen lassen sich sehr viele Details über die Menschen herausfinden. Darunter auch Hinweise darauf, wie der jeweilige Mensch ausgesehen hat, welchem Geschlecht er angehörte, wo er geboren und aufgewachsen ist, welche Krankheiten ihn plagten oder wovon er sich ernährt hatte. Archäologen werden zu Kriminalisten, da immer mehr Aussagen über die Funde gemacht werden können, die sich allmählich zu einem Gesamtbild zusammenfügen lassen. 

Im vergangenen Jahr wurde einer der Schädel aus der Blätterhöhle nach seiner neuen Rekonstruktion und Ergänzung diesmal sehr umfassend genetisch untersucht. Er gehört zu einem Menschen, der vor rund 5.500 Jahren gelebt hat und nach seinem Tod in der Blätterhöhle bestattet wurde. Die Person im Alter von 17 bis 22 Jahren ernährte sich hauptsächlich von Fisch und Fleisch, sie war also kein Landwirt, sondern ein Jäger, Fischer und Sammler. Die an diesem Schädel vorgenommenen genetischen Untersuchungen haben zum Erstaunen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das Ergebnis geliefert, dass es sich bei dieser Person um einen jungen Mann gehandelt hat. Mehr als zwölf Jahre wurde anhand von anatomischen Vergleichswerten angenommen, dass es eine junge Frau war, die im 4. vorchristlichen Jahrtausend gemeinsam mit zahlreichen weiteren Toten unterschiedlichen Alters und Geschlechts in der Blätterhöhle bestattet wurde. 

Die neuen Ergebnisse der Paläogentiker fließen in die hochwertige digitale 3D-Visualisierung mit ein, die von der Stadt Hagen für die geplante Ausstellung im Museum Wasserschloss Werdringen in Auftrag gegeben wurde. Das LWL-Museumsamt übernahm einen erheblichen Anteil der Kosten. Das virtuelle Modell wurde auf der Grundlage eines 3D-Scans der Schädelfragmente aus der Blätterhöhle erstellt. Um die Gesichtsform des Individuums zu rekonstruieren wurden forensische Durchschnittswerte der Weichteilstärken aufgetragen. Anhand solcher Marker kann die Gesichtsoberfläche in 3D bis hin zu einer lebensnahen Abbildung des Menschen ausgearbeitet werden. Das 3D-animierte Video ist das virtuelle Phantombild eines Menschen aus der Steinzeit. 

Die bisherigen Ergebnisse der laufenden wissenschaftlichen Untersuchungen sind in die digitale Rekonstruktion eingeflossen. Weitere Untersuchungen werden zum Beispiel auch Informationen zu Haut- und Haarfarbe der Person liefern. Anders als das bis heute tradierte Klischee von blonden und weißen Europäern zeigen die bisherigen hochauflösenden genetischen Untersuchungen, dass es sich bei der europäischen Urbevölkerung, wie sie auch in der Blätterhöhle vorhanden ist, um meist dunkelhaarige Menschen mit brauner Hautfarbe gehandelt hat. Anhand der digitalen Rekonstruktion ist es im Fall der Blätterhöhle möglich, neue Forschungsergebnisse einzuarbeiten, um das Ergebnis immer aktuell zu halten. 

Die Voraussetzungen sind günstig: Das Genmaterial in den menschlichen Überresten aus der Hagener Blätterhöhle ist gut erhalten. Aufgrund der Rekonstruktion der Ernährung anhand stabiler Isotope, erhärten sich die Hinweise auf Jäger-Sammler-Fischer-Gemeinschaften in der späten Jungsteinzeit. Ob das nordwestliche Sauerland ein Rückzugsraum für die die letzten Gemeinschaften der europäischen Urbevölkerung aus Jägern und Fischern am Rande des Mittelgebirges war, werden die laufenden und zukünftigen Untersuchungen womöglich zeigen. 

Bis vor wenigen Jahren war nicht bekannt, dass in Mitteleuropa nach den als „Neolithische Revolution“ bezeichneten Umwälzungen im 6. vorchristlichen Jahrtausend, die Sesshaftigkeit, Ackerbau und Viehzucht brachten, mehr als 2.000 Jahre später immer noch Bevölkerungsteile als Jäger, Sammler und Fischer lebten. Diese Menschen bildeten eine Parallelgesellschaft zu den jungsteinzeitlichen Ackerbauern und Viehzüchtern, wie sie seit rund 7.500 Jahren vor heute auch an Rhein und Ruhr siedelten. 

Unter den vor rund 5.500 Jahren in der Blätterhöhle bestatteten Toten waren nicht nur sesshafte Bauern, sondern nach naturwissenschaftlichen Untersuchungen auch jungsteinzeitliche Jäger-Fischer-Sammler. Sie ernährten sich hauptsächlich von Fisch. Historikern fällt bei diesem archäologischen Befund dazu ein, dass die Lenne bis zu ihrer Verschmutzung durch Industrieabwässer im 19. Jahrhundert, einer der an Fischen reichsten Flüsse in Westfalen war. Anscheinend bot sie bereits schon in der Steinzeit ein großes Nahrungsangebot. 

Die Jäger-Sammler-Fischer hatten im heutigen Raum Hagen gemeinsam mit der sich überwiegend von Ackerbau und Viehzucht ernährenden Bevölkerung gelebt. Doch wie sich das Zusammenleben der beiden Gemeinschaften abgespielt hat, lässt sich derzeit noch nicht rekonstruieren. Aktuelle genetische Untersuchungen an den menschlichen Überresten aus der Blätterhöhle belegen jedoch Vermischungen zwischen der sesshaften Bevölkerung aus Ackerbauern und Viehzüchtern sowie den vermutlich deutlich mobiler lebenden Jägern und Fischern. Möglicherweise waren diese Menschen die letzten „Ureinwohner“ Europas, die ihre Wurzeln in der Mittelsteinzeit hatten. 

Die in den 1980er Jahren des vorigen Jahrhunderts durch Höhlenforscher des Ennepetaler Arbeitskreises Kluterhöhle e.V. am Hang des Felsmassivs „Weißenstein“ in einem Seitental der Lenne bei Hagen entdeckte Höhle wird seit 2004 wissenschaftlich untersucht. 2006 wurden archäologische Grabungen begonnen, zunächst in Verantwortung der Stadt Hagen, dann durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und seit 2015 in einem Forschungsverbund unter Beteiligung verschiedener Institute und Universitäten in NRW, der LWL-Archäologie für Westfalen und der Stadt Hagen. 

Beteiligt sind auch das Institut für Prähistorische Archäologie an der Freien Universität zu Berlin, das Curt-Engelhorn Zentrum Archäometrie gGmbH in Mannheim und das Institut für Organismische und molekulare Evolutionsbiologie an der Johannes Gutenberg Universität zu Mainz mit der Arbeitsgruppe Paläogenetik. Die Finanzierung läuft derzeit unter anderem über das Denkmalförderungsprogramm NRW und dem Forschungsprogramm des Landes NRW. 

Die in der Höhle und auf ihrem Vorplatz geborgenen Funde werden im Museum Wasserschloss Werdringen der Stadt Hagen aufbewahrt und ausgestellt. Einige Highlights sind immer wieder auch auf Reisen, wie bis Januar 2019 in der Großausstellung zur Archäologie in Deutschland im Gropius-Bau in Berlin. Ab Frühjahr 2019 werden die Funde aus der Blätterhöhle und von ihrem Vorplatz ihrer großen Bedeutung angemessen in einem eigenen Ausstellungsbereich im Museum Wasserschloss Werdringen präsentiert. 

Auf dem nach Süden ausgerichteten, windgeschützten Vorplatz der Blätterhöhle haben sich die Archäologen bereits bis in die letzte Eiszeit vor rund 14.000 Jahren vorgegraben. Dort fanden die Forscher charakteristische Hinweise auf Lagerplätze, die in den mangels Fundstellen bislang kaum erforschten Übergang von der Altsteinzeit zur Mittelsteinzeit zum Ende der letzten Eiszeit in Europa datieren. Aus diesen Schichten stammen auch die Überreste von einem Hund. Wenn sich das wegen des Fundzusammenhangs angenommene Alter durch die Radiokarbon-Datierung 14C bestätigen lässt, handelt es sich um den bislang ältesten Nachweis eines Hundes in Westfalen. 

Mittlerweile hat die LWL-Archäologie für Westfalen, die seit 2015 die Grabungen federführend betreut, auf dem Höhlenvorplatz eine Fundschichtenabfolge, eine so genannte Stratigrafie, von der späten Altsteinzeit vor rund 14.000 Jahren bis zum Ende der Mittelsteinzeit vor etwa 9.000 Jahren vor heute freigelegt. Der viele Meter hohe Schuttkegel vor dem Höhleneingang enthält Feuerstellen, steinerne Projektile von Jagdwaffen, unterschiedliche Werkzeuge und Herstellungsabfall aus Feuerstein und Kieselschiefer sowie Geräte aus Felsgestein. Einige steinerne Projektile für Jagdwaffen belegen weiträumige Beziehungen nach Westeuropa, da sie von ihrer Technik, Form und Verarbeitung kulturell im Einzugsgebiet der Maas und in Frankreich zu verorten sind. 

Unter den Werkzeugen aus Sandstein und Flussgeröll befindet sich auch ein typischer Pfeilschaftglätter. Mit ihm wurden die aus Holz gefertigten Pfeilschäfte entrindet, geschliffen und in Form gebracht. Anhand der Holzkohle aus den Feuerstellen sowie den Knochenresten der einstigen Jagdbeute, die teilweise Schnittspuren tragen, lassen sich die Fundschichten über naturwissenschaftliche Methoden datieren. 

Die Fundschichtenabfolge der Alt- und Mittelsteinzeit auf dem Vorplatz der Blätterhöhle ist für den Mittelgebirgsraum einzigartig. Da sie sowohl von der gemessenen Tiefe als auch in der zu vermutenden Breite bislang nur zu einem kleinen Teil, vielleicht erst die oberen Bereiche des Schuttkegels, untersucht werden konnte, dürften in den kommenden Jahren noch viele weitere spannende Ergebnisse und Funde zu erwarten sein. 

Auch in der Höhle gehen die Ausgrabungen weiter. Neben Deponierungen und Bestattungen aus der Jungsteinzeit vor rund 5.500 Jahren sowie aus der frühen Mittelsteinzeit von bis zu 11.300 Jahren ist das Grabungsteam nun auf wahrscheinlich noch ältere Schichten gestoßen. Da aus der Höhle bereits die Überreste der „ältesten Westfalen“ aus der frühen Mittelsteinzeit stammen, sind die Archäologen sehr gespannt, was, wen und aus welcher Zeit in der Höhle noch entdecken wird. 

Das mit Sediment und Schutt aufgefüllte Höhleninnere war während der frühen Mittelsteinzeit und in der Jungsteinzeit nur mit viel Mühe zu erreichen. Um die sterblichen Überreste von Menschen in der engen und dunklen Höhle zu deponieren bzw. zu bestatten, war einiger Aufwand notwendig. Die Bestattungen aus der späten Jungsteinzeit lassen sich mit Befunden in Galerie- und Megalithgräbern vergleichen, wie sie in Nordhessen und Ostwestfalen verbreitet waren. Wenn man so will, handelte es sich bei den Megalithgräbern um künstliche Höhlen, während die Blätterhöhle als Bestattungsort eine naturgegebene Variante war.