„Der Wert unserer Arbeit liegt im Zuhören“

Ich bin das Volk!Das Team der TelefonSeelsorge hat auch rund um die Feiertage immer Zeit für die Nöte der Menschen.

„Sie wünschte sich für den Advent nicht mehr als eine warme Heizung und jeden Tag ein Stückchen Kuchen“ – das Gespräch, was Gudrun Redlich mit der 93-jährigen Dame geführt hat, ist haften geblieben. „Es sind nicht immer existenzielle Krisen, die Menschen bei uns anrufen lassen“, sagt die Ehrenamtliche der TelefonSeelsorge. „Nicht immer, aber auch.“ In den Wintermonaten mit der Advents- und Weihnachtszeit würden die Brüche im Leben der Menschen besonders schwer wiegen, weiß Birgit Knatz, die Leiterin der TelefonSeelsorge. „Viele Menschen rufen schon vorher an, um zu fragen, ob wir da sind an Weihnachten“, so die studierte Sozialarbeiterin. Im Interview sprechen die beiden Frauen über Mitgefühl, Motivation und Methoden in der täglichen Arbeit.

Mit welchen Themen haben Sie es in der Weihnachtszeit vor allem zu tun? Gudrun Redlich: In dieser Jahreszeit wird für viele Menschen vor allem ihre Einsamkeit unerträglich. Einigen wird mit Blick auf das große Familienfest Weihnachten klar, wie einsam sie sind. Aber auch Trennungen oder Todesfällt schmerzen in dieser Zeit besonders. Armut ist ein Thema, wenn Menschen das Fest nicht so gestalten können, wie sich möchten.

 

Birgit Knatz: Die Erwartungen an Weihnachten und die Wochen rundherum sind hoch. Es sind die Sehnsucht nach Harmonie und Gemeinschaft und das Gefühl, dass andere das Fest als glückliche Familie verbringen – beides kann erdrücken sein. Statistisch ist die Suizidrate in Deutschland an Heiligabend am höchsten.

Was sagen Sie den Menschen? Wie können Sie helfen? Gudrun Redlich: Der Wert unserer Arbeit liegt im Zuhören. Es geht darum, Zeit für die Gefühle der Menschen zu haben, sie ernst zu nehmen und ihnen so Raum zu geben, ihrem Seelenschmerz Ausdruck zu verleihen. Ich versuche oft, schöne Erinnerungen zu aktvieren. Das hilft manchen, den Mut aufzubringen, zum Beispiel frühere Kontakte wieder herzustellen. Vielen Menschen hilft es schon, ihre Gedanken einmal aussprechen und teilen zu können. Tatsächlich bekommen wir vor allem nach den Feiertagen manchmal auch Rückmeldung, dass es besser war als gedacht.

Birgit Knatz: Bei unserer Arbeit geht es nicht um Aktivismus. Wir können keine zerbrochenen Beziehungen flicken oder Geldnot beseitigen. Aber wir können über ein bewusstes Zuhören vielleicht erspüren, wie die Menschen sich selbst helfen können. Ich habe mal mit einer Anruferin überlegt, wie sie sich die Weihnachtstage mit sich selbst schön machen kann. Dahinter steckt der Ansatz, mit sich selbst befreundet zu sein und eine gute Zeit allein haben zu können. Diese Frau hat dann im Gespräch eine Lösung mit sich selbst gefunden.

Auch ihre Ehrenamtlichen feiern Weihnachten. Ist es schwierig, die Feiertage abzudecken? Birgit Knatz: Es ist immer ein hoher Kraftaufwand nötig, um alle Dienste zu besetzten – ja! Bisher konnten wir unsere Erreichbarkeit immer gewährleisten. Meistens fügt es sich. Viele Alleinstehende machen Dienst. Und warum sich viele dann doch für einen Einsatz in diesen Tag entscheiden, hat sicher auch etwas mit ihrer grundsätzlichen Motivation für ihr Engagement zu tun. Viele Ehrenamtliche haben selbst persönliche Krisen durchlebt. Sie kennen die Not und wissen zugleich, wie gut es tut, mit jemandem darüber sprechen zu können.   

Wie verarbeiten denn Sie das, was Sie hören? Gudrun Redlich: Wir lernen in unserer Ausbildung, dass wir das Leben der Menschen nicht retten können und dass es vielmehr wichtig ist, von den Menschen eine Rückmeldung zu bekommen, die einen positiven Gedanken hat. Auch die Erfahrung hilft natürlich, die Geschichten loslassen zu können. Und da Supervision und Weiterbildung zu diesem ehramtlichen Einsatz gehören, ist gewährleistet, dass wir mit den Themen nicht alleine bleiben.

Birgit Knatz: Ich weiß, wie gut es für viele Menschen ist, dass es uns gibt. Und ich weiß, dass der Wert unserer Arbeit im Zuhören liegt. Das habe ich verinnerlicht und das hilft mir.

Hat Sie Ihre Arbeit bei der TelefonSeelsorge verändert? Gudrun Redlich: Ich selbst habe nach einer schweren Krankheit den Weg zu TelefonSeelsorge gefunden. Mich hier zu engagieren, war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Die Arbeit hat mich verändert, und sie bereichert mich. Auch durch die kontinuierliche Aufarbeitung in der Supervision verstehe immer mehr über mich selbst. Ich habe gelernt, gut zuzuhören und dabei nicht wertend zu sein, den Menschen keinen Stempel aufzudrücken. Das ist auch für die persönliche Kommunikation ein enormer Zugewinn.

Birgit Knatz: Ich denke, dass wir alle durch unsere Arbeit bei der TelefonSeelsorge genauer hinschauen, was die Menschen um uns herum machen und wie es ihnen geht. Die Gewissheit, dass wir mit unserer Zeit für das Zuhören helfen können, das macht auch persönlich ein gutes Gefühl.  

Infobox: Ob Beziehungsstress, Liebeskummer, Gewalt, berufliche Perspektivlosigkeit, Mobbing, Krankheit, Tod und Trauer, Angst, Krankheit oder Suizidgedanken: Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der TelefonSeelsorge in Hagen sind rund um die Uhr mit Geduld und Verständnis für Menschen in Not da (https://www.telefonseelsorge-hagen-mark.de/). 80 Ehrenamtliche ermöglichen eine rund um die Uhr Präsenz an jedem Tag im Jahr. Ergänzend zur Telefonberatung gibt es seit mehr als zwanzig Jahren auch Kontaktmöglichkeiten per Mail und Chat – ideal für den vertrauensvollen Austausch mit ein und derselben Ansprechpartnerin über einen längeren Zeitraum hinweg. Themen am Telefon, per Mail und Chat sind u.a. depressive Stimmungen (20 Prozent), Krankheiten (17 Prozent), Einsamkeit (15 Prozent), Ängste (14 Prozent) und Beziehungen (11 Prozent). Suizidabsichten oder Pläne hören und lesen die Mitarbeitenden mehr als dreimal täglich.

Die Kunst des Zuhörens, ob mündlich oder schriftlich wird in einer 16 Monate langen Ausbildung, an einem Abend pro Woche, vermittelt. Die Ausbildung hat drei Schwerpunkte: Methoden der Gesprächsführung, die Entwicklung einer beraterischen und seelsorglichen Kompetenz und das Reflektieren der eigenen Werte. Die kostenlose Ausbildung bindet an eine dreijährige ehrenamtliche Mitarbeit, mit einem jährlichen Einsatz von 120 Stunden in der Beratungsarbeit am Telefon, per Mail und Chat, plus Supervision und Fortbildungen. Die Ausbildung wird am Ende der dreijährigen Mitarbeit zertifiziert und gilt als fachlich angesehene Qualifizierung in Kommunikation und Gesprächsführung.

Bildquelle: Ev. Kirchenkreis Hagen

 

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