HALLO NAZI – Jugendstück von Lutz Hübner und Sarah Nemitz

Hagener Erstaufführung/Premiere: 18. Februar 2017 · 19.30 Uhr · lutz – Ab 14 Jahren

Eine Ausgangssituation, die dem aktuellen Tagesgeschehen entnommen sein könnte: In einer Landgemeinde überfällt eine Gruppe Rechtsradikaler ein Lokal, das von Flüchtlingen betrieben wird. Rudi und Jamal werden in Polizeigewahrsam genommen und in der einzig freien Zelle gemeinsam untergebracht. Hier dreht sich die Spirale aus Gewalt, Vorurteilen und Hass weiter – bis die Nachricht aufschlägt, eines der arabischen Opfer sei nach dem Überfall im Krankenhaus verstorben. Plötzlich wird aus einer Aktion, die zur Abschreckung gedacht war, Mord. Der minderjährige Rudi soll die Verantwortung für seine Freunde übernehmen. Jamal könnte dies mit seiner Aussage vor Gericht verhindern…

»Rudi: Ich hab nicht mitgeprügelt, das waren die anderen beiden, die auf ihn los sind. Ich hab nichts gemacht!

Jamal: Eben, nichts gemacht, du hast es dir angesehen. Du fandest das gut, du hast deinen Leuten nicht gesagt, dass sie aufhören sollen. Deshalb gehst du in den Knast, ihr alle.«

Lutz Hübner und Sarah Nemitz haben ihr Stück Hallo Nazi, das 2001 am Theater Junge Generation Dresden uraufgeführt wurde, für die Hagener Erstaufführung überarbeitet. Die Haltungen und Mechanismen haben sich seither kaum verändert, einzig der Fokus der Aggression hat sich verlagert: Waren es bei der Uraufführungsfassung noch polnische Jugendliche, die als Ziel rechtsradikaler Gewalt galten, sind es nun geflüchtete Menschen.

In der Inszenierung von Werner Hahn und der Ausstattung von Jeremias H. Vondrlik spielen Najib El-Chartouni den Jamal und Mark Tumba den Rudi. Beide waren in der vergangenen Spielzeit in Projekt Hagen zu erleben. Fynn Engelke als Polizist Klaus ist zum ersten Mal auf der Bühne des lutzhagen zu Gast.

Mit großzügiger Unterstützung von Detlef Muthmann

Weitere Termine: 22.2., 23.2.; 3.3., 6.3. (19 Uhr, geschlossene Vorstellung), 7.3., 8.3., 9.3., 10.3. (19.30 Uhr); 4.4., 5.4., 6.4. (12 Uhr und 19.30 Uhr); 9.5. 2017 – jeweils 12 Uhr, soweit nicht anders angegeben

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Seit der Eröffnung im März 2001 gehören Stücke des Autorenteams Lutz Hübner/Sarah Nemitz zum festen Bestandteil des lutz-Spielplans. „Hallo Nazi“ ist die 13. Produktion, in der sich das lutz mit der Arbeit seiner beiden Ehrenmitglieder auseinandersetzen darf.

Drei Fragen an die Autoren:

Hallo Nazi entstand 2001 für das Theater Junge Generation in Dresden und das GRIPS-Theater. Welche gesellschaftspolitische Situation hat Euch damals veranlasst, das Jugendtheaterstück zu schreiben?

Das Konzept war, zwei mobile Produktionen zu haben, die durch Brandenburg und Sachsen fahren. Wir wollten direkt in die Orte, in denen sich damals eine rechtsradikale Jugendkultur entwickelte, Kameradschaften »national befreite Zonen« durchsetzten und damit defacto oftmals den öffentlichen Raum kontrollierten, während sich die NPD als Partei der ‚kleinen Leute‘ gerierte. Politisch wurde das Problem von den Landesregierungen geleugnet oder kleingeredet. Deshalb fanden wir es besonders wichtig, von Theaterseite darauf zu reagieren. Es gab nach jeder Vorstellung Gespräche mit Experten (z.B einem Richter, der auf die Verfolgung von rechtsradikalen Straftaten spezialisiert war) und Diskussionen mit dem Publikum. Das war für die demokratischen Kräfte vor Ort wichtig und wurde von den Neonazis durchaus als Bedrohung verstanden.

Es gab Angriffe auf Spielorte, protestierende Neonazis vor dem Theater, aber eben auch Gespräche mit Jugendlichen, die rechten Gesinnungen zuneigten und hier eine Möglichkeit hatten, darüber zu reden, ihre Meinungen zu reflektieren und eventuell auch zu revidieren. Die waren unsere Zielgruppe: die zweifelnden Jugendlichen auf der Kippe. Die überzeugten Nazis erreicht man mit Theater nicht.

Auf der gleichen Dramaturgie aufbauend habt Ihr – gerade mal 15 Jahre danach – für das lutz eine neue Fassung erstellt. Geschah dies aus kosmetischen Gründen oder aus aktueller Notwendigkeit?

Das Problem rechtsradikalen Gedankenguts hat sich leider nicht erledigt – im Gegenteil. Nur hat sich die Erscheinungsform verändert. Rechtes Gedankengut hat Metastasen bis hinein in die bürgerliche Gesellschaft gebildet, es geht nicht mehr vorrangig um geschlossene rechtsradikale Visionen eines ‚völkischen‘ Deutschlands, sondern um das Bedrohungsszenario der ‚Überfremdung‘ und Islamisierung. Es braucht kein geschlossenes rechtes Weltbild mehr, sondern manchmal nur die Idee, ‚etwas gegen die tun zu müssen‘, eine zunächst vielleicht vage Unzufriedenheit, das Gefühl, übervorteilt zu werden. Das wird von den immer noch bestehenden rechtsradikalen Strukturen natürlich genutzt – oder von Parteien, die sich als Retter der deutschen Volksseele aufspielen. Darüber hinaus war es wichtig, die für Ostdeutschland geschriebene Fassung auf westdeutsche Verhältnisse zu übertragen.

Ist das Jugendtheater der richtige Ort für politische Auseinandersetzung?

Unbedingt. Wobei es wichtig ist, den Jugendlichen keine vorgestanzten Thesen vorzulegen, sondern Denkanstöße zu vermitteln. Das Theater bietet einen Raum, in dem Jugendliche zusammenkommen, ein gemeinsames Erlebnis haben und danach die Möglichkeit, sich darüber auszutauschen. Dazu an einem Ort, der nicht Schule ist, sondern exterritorial, wo sie also selbst entscheiden können, ob sie das Angebot annehmen oder nicht. Im Dunkeln gemeinsam mit anderen eine Geschichte zu erleben, die ein Thema behandelt, das mit den eigenen Lebensverhältnissen zu tun hat – das ist in Zeiten digitaler Echoräume, die oft nur eine vorgefasste Meinung bestätigen, eine Chance für Kommunikation und damit Demokratietraining.

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