„Machbares“ Sterben: Kehren Medizinmann und Medizinfrau zurück?

Logo201506Hagen. In den Diskussionen zu Palliativ- und Sterbehilfegesetz haben freier Wille, Würde und Selbstbestimmung der Patientinnen und Patienten zentrale Bedeutung. Doch es gibt weitere, weniger gerne genannte Beweggründe. Es geht auch um das Bild von Ärztin und Arzt, das Selbstverständnis von Kliniken und Pflegeinrichtungen. Und um die Fundamentalnorm „Du sollst nicht töten!“

Zwei Philosophen des Lehrgebiets „Praktische Philosophie: Ethik, Recht, Ökonomie“ der FernUniversität in Hagen, Prof. Dr. Thomas Sören Hoffmann und Dr. Marcus Knaup, haben sich mit den ethischen Aspekten befasst. Würdevolles Sterben heißt für sie: „Man muss an der Hand eines anderen Menschen sterben. Nicht durch sie! Sterbehilfe wird so zum Sterbebeistand.“ Im Hinblick auf „Du sollst nicht töten“ erläutert Prof. Thomas S. Hoffmann: „Die deutschen Hospize sind vorbildlich, sie müssen weiter gestärkt werden. Dafür muss die Norm jedoch lauten: Nicht sterben helfen! Wird jedoch die Unterstützung beim Selbstmord zur Norm, wird der Boden für Hospize dünner.“ Noch besser sei natürlich der Sterbebeistand in der Familie, ist er sich mit Dr. Marcus Knaup einig.

Letztendlich heißt das: Rückbesinnung auf Hippokrates. Die Geschichte von Ärztin und Arzt, wie wir sie heute kennen, begann mit seinem Eid, der das Töten eines Menschen und die Hilfe beim Selbstmord ausdrücklich verneint. Das unterscheide Ärztin und Arzt von Medizinfrau und Medizinmann, die heilen und töten. Hoffmann: „Wollen wir wirklich, dass der Medizinmann – im weißen Kittel – wiederkommt?“

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war in Europa laut Hoffmann entscheidend, ob ein Suizid für das Individuum gut oder schlecht sei. Seither hat sich der Blickwinkel verschoben: „Was bedeutet der Suizid für die Gesellschaft? Kann sie ihn verwalten?“ Dementsprechend werden Leben und Sterben von ihr immer weniger Menschen als „gegeben“, als „Schicksal“ hingenommen, sondern als etwas „Machbares“ angesehen, so Knaup: „Leben und Sterben müssten aber wieder als Aufgabe angenommen werden.“

Argumente pro Suizid hinterfragen die beiden kritisch: Handeln die Sterbewilligen wirklich frei? Oder unter innerem oder äußerem Druck? Wollen sie vielleicht nur die Angehörigen entlasten? Beide fürchten eine „Pflicht zu sterben“, weil wirtschaftliche bzw. demografische Gründe Suizid und -beihilfe „gesellschaftsfähig“ werden lassen.

Innerer Druck kann auch durch Krankheiten entstehen. Durch psychologische Ergebnisse sieht sich Knaup bestätigt: „Es wäre besser, Depressionen und andere Krankheiten zu behandeln, als sie zusammen mit dem Menschen auszulöschen.“

Die demografische Entwicklung könnte den gesellschaftlichen Wertewandel weiter beeinflussen. 2060 sollen laut Statistischem Bundesamt rund 9 Millionen mindestens 80 Jahre alte Menschen in Deutschland leben. „Was machen wir mit all‘ den alten Leuten?“ könnte sich dann, so Knaup, als gesellschaftliche Frage stellen. Ist die Pflege den Kindern bzw. der Gesellschaft zuzumuten? Und Verwandte könnten überlegen: „Im Heim geht das ganze Erbe weg. Vielleicht regeln wir das anders…“

Hinsichtlich des Gesetzgebungsverfahrens spricht Hoffmann vom Versuch der Politik, das Sterben zur gesellschaftlichen Funktion zu machen. Der Staat maße sich immer mehr Kompetenzen über die Menschen an: „Alles muss in geregelten Bahnen verlaufen, von der Zeugung bis zur Bahre.“ Die Gesetzgebung gebe jedoch keine inhaltliche Norm vor, sondern passe sie an die gesellschaftliche Entwicklung an.

Buch und Tagung  – Zusammen mit seinem Mitarbeiter Dr. Marcus Knaup hat Prof. Dr. Thomas Sören Hoffmann, Institut für Philosophie der FernUniversität in Hagen, beim Verlag Springer VS in Wiesbaden einen Sammelband hierzu herausgegeben: „Was heißt: in Würde sterben? Wider die Normalisierung des Tötens“ umfasst Beiträge aus Philosophie und Theologie, Medizin und Rechtswissenschaft. Marcus Knaup hat sich darin mit „Wie wollen wir sterben? Zur Frage der ärztlichen Suizidassistenz“ befasst, Thomas Sören Hoffmann mit „Das gute Sterben und der Primat des Lebens. Überlegungen zu möglichen und unmöglichen Positionen im Kontext der Debatte um Euthanasie und Suizidassistenz“.

Unter dem Titel „‚Was heißt: In Würde sterben?‘ – Wissenschaft und Politik im Gespräch“ findet am Montag, 28. September, von 11.30 bis 17 Uhr eine interdisziplinäre Fachtagung im Regionalzentrum Berlin der FernUniversität statt. Fachleute aus verschiedenen Disziplinen kommen mit Bundestagsabgeordneten über Fragen zu Leben und Tod ins Gespräch, bei denen es zuletzt um das Gesicht und die künftige Lebenswirklichkeit unserer Gesellschaft geht. Veranstalter ist das Lehrgebiet von Prof. Dr. Thomas Sören Hoffmann. Alle Interessenten sind eingeladen, sich an der Diskussion zu beteiligen. Die Teilnahme ist kostenlos. Veranstaltungsort ist der Seminarraum I des Regionalzentrums Berlin im DomAquarée, St. Wolfgang-Straße / Heiligegeistkirchplatz, 10178 Berlin.

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