Vortrag zur französischen Herrschaft in Westfalen

Hagen – Im vergangenen Jahr wurde an das Ende der napoleonischen Herrschaft und an die Befreiungskriege 1813 erinnert. 200 Jahre nach diesem Ereignis werden die Entwicklung und die Struktur der französischen Herrschaft in Westfalen und in der Region neu bewertet. War es wirklich eine reine „Fremdherrschaft“? Welche Veränderungen und Rückwirkungen ergaben sich? Wie war die regionale und kommunale Organisation? In seinem Vortrag „Annäherung an das Ruhrdepartement. Französische Herrschaft und Befreiungskriege in der Grafschaft Mark 1808-1813“ am Donnerstag, 6. März, um 18 Uhr im Kunstquartier Hagen stellt Dr. Eckhard Trox nicht nur die Struktur und Entwicklung des Ruhrdepartements vor, sondern auch die Geschichte dieses Territoriums, das nach der so genannten Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 und der Niederlage Napoleons ein jähes Ende fand.

Hagen_bleuler: Blick auf Hagen, in der Bildmitte die Johanniskirche, Goache, Johann Heinrich Bleuler aus Feuerthalen in der Schweiz, Serie von Ansichten an Ruhr und Lenne, um 1810. Der Betrachter stand im Bereich des heutigen Drerup-Viertels, etwa zwischen heutigem Märkischen Ring (früher: Kaiserstraße) und Funcke-Park.
Hagen_bleuler: Blick auf Hagen, in der Bildmitte die Johanniskirche, Goache, Johann Heinrich Bleuler aus Feuerthalen in der Schweiz, Serie von Ansichten an Ruhr und Lenne, um 1810. Der Betrachter stand im Bereich des heutigen Drerup-Viertels, etwa zwischen heutigem Märkischen Ring (früher: Kaiserstraße) und Funcke-Park.

Die Zeitphase von der Auflösung des Alten Reichs im August 1806 bis zum Herbst 1813 gehört zu den wichtigsten historischen Abschnitten in Westfalen und der Region. Unter der französischen Herrschaft kam es zu einem grundlegenden Wandel der Verhältnisse. Die damals eingeführten Reformen und Veränderungen bestimmen in Teilen noch heute einzelne Bereiche des politischen und gesellschaftlichen Lebens. In den Territorien der aufgelösten Grafschaften Mark und Limburg vollzog sich der Übergang dynamisch und in kurzen Abständen.

Hagen war zu Beginn der französischen Herrschaft ein kleines Landstädtchen mit rund 2.100 Einwohnern, das verkehrsgünstig am Schnittpunkt mehrerer Fernstraßen lag. Doch gerade diese Lage wirkte sich nach 1806 günstig auf die weitere Entwicklung der Stadt aus. Im Mai 1808 wurden die preußische Grafschaft Mark und die ‚souveräne’ Grafschaft Limburg gemäß eines am 21. Januar 1808 in Paris geschlossenen (geheimen) Abtretungsvertrags aufgelöst und mit dem französischen Großherzogtum Berg vereinigt. Bereits im vorausgegangenen Jahr hatte unter anderem der in Hagen wohnhafte märkische Fabriken-Kommissar Friedrich Alexander Eversmann, der sich nun als erfahrener Fachmann und Staatsbeamter der französischen Verwaltung zu empfehlen suchte, ein wirtschaftlich kraftvolles Großherzogtum unter Einbeziehung des leistungsfähigen märkischen Gewerbegebiets südlich der Ruhr gefordert.

Im November 1808 wurde das Territorium des Großherzogtums Berg nach französischem Vorbild in die Départements Ruhr, Rhein, Sieg und Ems sowie in zwölf Arrondissements organisiert. Bei Gründung des Ruhrdepartements mit der Präfektur in Dortmund wurde die Stadt Hagen der Sitz einer Unterpräfektur und – neben Dortmund und Hamm – eines Arrondissement im Ruhrdepartement. Das im Juli 1806 gebildete Großherzogtum Berg mit seiner Hauptstadt Düsseldorf stand zunächst unter der Regentschaft von Joachim Murat, der zwei Jahre später zum König von Neapel gekrönt wurde. Daraufhin fiel das Großherzogtum im Juli 1808 an Napoléon Louis Bonaparte, dem damals vierjährigen Neffen Kaiser Napoléons, für den er auch die vormundschaftliche Regierung ausübte. Deshalb stand das Großherzogtum Berg, anders als das Königreich Westfalen, das Jérôme Bonaparte von seiner Hauptstadt Kassel aus weitgehend autonom regierte, unter der persönlichen Landesherrschaft des französischen Kaisers.

Vielfach wird die französische Herrschaft noch heute (ganz im Sinne der Rezeption des 19. und frühen 20. Jahrhunderts) als „Fremdherrschaft“ charakterisiert und etwas abwertend als „Franzosenzeit“ bezeichnet. Aus historischer Perspektive betrachtet, erweist sich dieser Zeitabschnitt jedoch als durchaus förderlich für die weitere gesellschaftliche Entwicklung. Denn innerhalb weniger Jahre wurden viele teilweise sogar noch aus dem Mittelalter überkommene Rechte, Ansprüche und Strukturen der Feudalgesellschaft zu Gunsten einer modernen Verfassung und eines zeitgemäßen Rechtssystems abgelöst, das den „Untertanen“ sogar gewisse demokratische Rechte garantierte.

Diese Entwicklung wurde von den Menschen durchaus wahrgenommen, wie eine Eingabe von Unternehmern und Deputierten des Großherzogtums Berg am 1. April 1811 zeigt. Sie baten darum, das märkische und bergische Gewerbegebiet nicht mehr nur unter französischer Verwaltung zu belassen, sondern nun auch direkt mit dem französischen Empire zu vereinigen. Unter den 4.178 Unterschriften befanden sich auch 148 Gewerbetreibende aus Hagen sowie 412 Bürger aus der Nachbarstadt Iserlohn. Allerdings änderte sich die Stimmung bereits 1812 durch die für Frankreich zunehmend ungünstigere militärische Lage nach dem Feldzug gegen Russland. Sie führte zu Zwang und auch Unterdrückung, die Gefängnisse, wie in Hagen, füllten sich, Kriminalität stieg und zahlreiche junge Männer wurden zum Dienst in der französischen Armee gezwungen. Die letzten beiden Jahre der französischen Herrschaft prägten dann auch wesentlich das Bild einer „Fremdherrschaft“ unter Zwang.

Von seinem Amtssitz in Hagen aus verwaltete der Unterpräfekt ein umfangreiches Territorium, das die Kantone Hagen, Limburg, Iserlohn, Lüdenscheid, Neuenrade, Hattingen und Schwelm sowie letztlich damit das gesamte märkische Gewerbegebiet umfasste. In den größeren Gemeinden des Arrondissements wurden als lokale Verwaltungssitze so genannte Munizipalitäten eingerichtet. So umfasste das Kanton Limburg 1809 bei insgesamt 5.768 Einwohnern die beiden Munizipalitäten Limburg und Ergste, einschließlich der umliegenden Dörfer und Bauernschaften, die von Limburg aus zentral verwaltet wurden. Dem größeren Kanton Hagen, der zu dieser Zeit eine Bevölkerung von 13.296 Personen umfasste, darunter 3.630 in der Stadt Hagen und in den angrenzenden Bauernschaften Eppenhausen, Delstern, Eilpe und Wehringhausen, gehörten die Munizipalitäten Hagen, Boele, Enneperstrasse, Herdecke und Breckerfeld an. Der Gemeindeverwaltung stand ein Maire vor, der die Aufgaben eines Bürgermeisters wahrnahm.

Der Historiker Dr. Eckard Trox ist der Direktor der Städtischen Museen in Lüdenscheid, Vorsitzender der Vereinigung Westfälischer Museen sowie Verfasser und Herausgeber zahlreicher Aufsätze und Bücher zur Regionalgeschichte in der Grafschaft Mark und in Westfalen, zum 19. Jahrhundert und zum Bürgertum.

 

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